INNOVATION RAUM GEBEN

LIVE AT WORK BLOG

vertrauensarbeitszeit.jpg

Wie du mögliche Nachteile der Vertrauensarbeitszeit zum Vorteil für dein Unternehmen machst

Flexible Arbeitszeiten zählen längst zu den wichtigsten Motivationsfaktoren qualifizierter MitarbeiterInnen– und innovative Unternehmen, seien es Konzerne wie Microsoft, Google und BearingPoint oder Start Ups mit großen Visionen machen es bereits vor: Die Vertrauensarbeitszeit als Teil einer offenen Unternehmenskultur, die auf die individuellen Bedürfnisse und Fähigkeiten der Arbeitnehmer eingeht und so ein Betriebsklima erzeugt, in welchem kreativer, innovativer und produktiver gearbeitet werden kann. 

Quelle: Manpower GmbH & Co. KG

Dennoch bleibt das Konzept der Vertrauensarbeitszeit nicht von Kritik verschont. Was du als Arbeitgeber über Vertrauensarbeitszeit und ihre verschiedenen Ausprägungen wissen, bei der Umsetzung beachten und dadurch bewirken kannst, möchte ich dir in diesem Beitrag zeigen.

Was ist Vertrauensarbeitszeit?

Der Begriff Vertrauensarbeitszeit verspricht viel und sagt zunächst wenig aus – es geht um Vertrauen, um Arbeitszeit, weniger Kontrolle, mehr Freiheit. Der Kerngedanke dahinter: Statt einer Anwesenheitspflicht zu festgelegten Zeiten auf der Arbeitsstätte zu unterliegen, koordinieren Arbeitnehmer bei der Vertrauensarbeitszeit ihre individuelle Arbeitszeit selbst – und das, ohne dabei ständiger Kontrolle zu unterliegen.

Die zu erledigenden Aufgaben und Ziele stehen im Vordergrund, wann gearbeitet wird rückt in den Hintergrund. Gegenseitiges Vertrauen steht im Fokus.

Näher definiert ist das Modell bislang jedoch nicht: Verschiedene Ausprägungen werden häufig synonym unter dem Begriff der Vertrauensarbeitszeit gefasst. So gibt es Konzepte mit und ohne Zeiterfassung, mit und ohne festgelegten Wochenstunden, mit und ohne ergebnisorientierter Führung und Vergütung.

Der erste und wichtigste Schritt besteht jedoch immer darin, das Kontrollieren einzustellen und den Mitarbeitern stattdessen zu vertrauen. Die Ausprägung der Vertrauensarbeitszeit, welche meistens unter dem Begriff zu finden ist, meint dabei eine freie zeitliche Verteilung von einer festgelegten wöchentlichen Stundenanzahl. Mit diesem Konzept, welches den ersten großen Schritt hin zu einer Vertrauenskultur bedeutet, wollen wir uns daher im folgenden weiter beschäftigen.

Mögliche Vor- und Nachteile sowie Chancen und Risiken lassen sich bei der näheren Betrachtung des Begriffes schon erahnen. In den Medien ist das Thema Vertrauensarbeitszeit aktuell auch sehr präsent – aber warum eigentlich?

Warum wird zur Zeit so viel über Vertrauensarbeitszeit gesprochen?

Das hohe Interesse an letztendlich miteinander zusammenhängenden Themen wie flexible Arbeitszeiten, Mitarbeiterbindung, Unternehmenskultur und Employer Brand lässt sich vor allem durch die Trends dieser Zeit erklären: Entwicklungen wie die Globalisierung, der demografische Wandel und die Digitalisierung sowie die Generation Y und ihre neuen Werte stellen insbesondere Unternehmen des deutschen Mittelstandes vor neue Herausforderungen.

Quelle: Deutsche Gesellschaft für Personalführung e. V.

Einerseits müssen sich die Unternehmen internationalen Konkurrenten stellen, ihre Geschäftsmodelle permanent weiterentwickeln und ständig innovieren. Andererseits benötigen sie dazu motivierte und qualifizierte Nachwuchskräfte, die diesen anspruchsvollen Aufgaben gewachsen sind.

Der Wandel macht dabei vor keiner Branche Halt: Die Taxi-App Uber setzt traditionelle Taxiunternehmen unter Druck, Netflix, ursprünglich eine Online-Ausleihe für DVDs, produziert jetzt eigene Serien und hat mehr Zuschauer als die meisten Fernsehsender und Tesla macht den deutschen Automobilbauern Marktanteile in der oberen Preisklasse streitig und dominiert den Markt für Elektroautos. Karriereblogger Lars Hahn prophezeit gar das Ende der herkömmlichen Autobranche, da zu viele Trends verpasst worden seien.

Besonders produzierende Unternehmen sehen sich also durch die Digitalisierung der Frage gegenüber, wie sie im Zeitalter von Industrie 4.0 erfolgreich wirtschaften können.

Die Schlüsselworte scheinen hierbei Kreativität und Innovation zu sein – neue, moderne, ganzheitliche Lösungen, Weitblick und Nachhaltigkeit sind mehr denn je gefragt.

Und tatsächlich zeigen immer mehr Studien, dass Unternehmen mit Vertrauensarbeitszeit den Trends besser begegnen. So hat beispielsweise eine Studie des Institutes für Wirtschaft der Universität Kiel ergeben, dass diese Unternehmen 11 bis 14 Prozent mehr neue oder verbesserte Produkte auf den Markt bringen als Unternehmen mit herkömmlichen Arbeitszeitregelungen.

Vertrauensarbeitszeit ist also eine Chance, um die Kreativität und Produktivität der Mitarbeiter so anzuregen, dass ein Unternehmen erfolgreicher und innovativer werden kann. Darüber hinaus soll dadurch die Arbeitgeberattraktivität erhöht und qualifiziertes Personal gewonnen werden – besonders relevant also für die Generation Y, die einen hohen Wert auf flexible Arbeitszeiten legt.

Aber ist diese Annahme realistisch? Welche Vorteile können tatsächlich entstehen, wenn du Vertrauensarbeitszeit in dein Unternehmen einführst?

Kreativer, produktiver, innovativer, zufriedener: die Vorteile der Vertrauensarbeitszeit

Warum bietet die Vertrauensarbeitszeit überhaupt so viele Vorteile? Die Antwort steckt bereits im Namen: Du bringst deinen Mitarbeitern Vertrauen entgegen und die meisten Menschen möchten erhaltenes Vertrauen nicht enttäuschen. Stattdessen möchten sie dafür etwas zurückgeben und sind daher häufig wesentlich motivierter und engagierter bei der Arbeit.

“Schenke den Menschen Freiheit und du erhältst Verbindlichkeit.”

Zeitsouveränität steigert die Leistung

Die Zeitsouveränität hat außerdem sehr positive Auswirkungen auf deine Mitarbeiter, denn diese haben nun größere Zeit- und Handlungsspielräume, um private und berufliche Aufgaben miteinander zu kombinieren. So lassen sich Familie und Beruf besser vereinbaren und die Arbeit kann sich dem individuellen Rhythmus jedes Mitarbeiters anpassen: Frühaufsteher können schon morgens anfangen und bei einem Leistungstief am Nachmittag die Arbeit beenden, Spätaufsteher können länger schlafen und die späten Nachmittag- und Abendstunden nutzen. So wird das Potenzial deiner Mitarbeiter nicht dadurch verschwendet, dass sie zu Zeiten bei der Betriebsstätte sein müssen, zu denen sie noch nicht oder nicht mehr leistungsfähig sind – und die trotzdem bezahlt werden wollen.

Denn in der Reduzierung von unproduktiven Leerlaufzeiten, die hohe Personalkosten verursachen und wenig einbringen, liegt ein großer Vorteil für Arbeitgeber: Die Arbeit wird effizienter erledigt und Mitarbeiter bringen häufiger eigene Ideen ein.

Flexible Zeitanpassung an die Auftragslage

Durch den Freizeitausgleich bei Überstunden oder einer ohnehin ganz frei einteilbaren Arbeitszeit kann sich dein Unternehmen flexibel auf eine variierende Kundennachfrage einstellen, in Stoßzeiten mehr leisten und in ruhigeren Phasen auch mal einen Gang zurückschalten.

Strategische Ausrichtung durch Ergebnisorientierung 

Damit überhaupt weniger zeit- und mehr ergebnisorientiert gearbeitet werden kann, sollten Ziele vereinbart und transparent kommuniziert werden. Das ist für manche Führungskraft zwar erst einmal eine Herausforderung, führt aber dazu, dass sich Führungskräfte wie auch Mitarbeiter wesentlich bewusster darüber werden, was genau sie erreichen wollen: Sie verfolgen durchdachtere Konzepte und arbeiten strategischer.

Mitarbeiter arbeiten nicht länger nur, um ihre Stunden abzusitzen und dafür bezahlt zu werden, sondern um die – im besten Fall gemeinsam gesteckten und für sinnvoll befundenen – Ziele zu erreichen. Mit der Vertrauensarbeitszeit geht daher häufig ein Wegfallen oder Verschwimmen von Hierarchieebenen daher: Abteilungen müssen mehr als Team zusammenarbeiten, sich inhaltlich wie auch zeitlich absprechen und auf Augenhöhe begegnen.

Positiver Rückkoppelungseffekt

Verschiedenen Studien zufolge wollen immer mehr Mitarbeiter nicht mehr in ein starres Zeitkonzept gezwängt werden und sind zufriedener, motivierter und daher auch produktiver, wenn ihre individuellen Arbeitszeitwünsche berücksichtigt werden und sich die Arbeit einfacher an das private und familiäre Leben anpassen lässt. Das wirkt sich positiv auf die Unternehmenskultur und das Betriebsklima aus, wodurch ein positiver Rückkoppelungseffekt erzielt wird.

Arbeitgeberattraktivität erhöhen

Und dass flexible Arbeitszeiten und ein vertrauensvolles Arbeitsumfeld für die kommende Generation an Arbeitnehmern einen hohen Stellenwert haben, zeigt sich nicht zuletzt an neuen Jobbörsen wie flexperten.org und feelgood-at-work.de, bei welchen potenzielle Mitarbeiter ihre Wunschunternehmen nach Merkmalen wie flexiblen Arbeitszeiten, Vereinbarkeit von Familie und Beruf und verschiedenen Aspekten der Unternehmenskultur vergleichen und auswählen können.

Nicht nur, aber auch für die Arbeitgeberattraktivität (Employer Brand) und das Rekrutieren neuer, erfolgreicher Mitarbeiter solltest du also über das Einführen von Vertrauensarbeitszeit nachdenken.

Bei all diesen Vorteilen möchte ich die möglichen Nachteile sowie Schwierigkeiten bei der Einführung der Vertrauensarbeitszeit jedoch nicht unter den Tisch fallen lassen und zeigen, wie du diese meistern kannst.

Mögliche Nachteile und Risiken durch Einführung der Vertrauensarbeitszeit

Selbausbeutung der Mitarbeiter? 

Von Kritikern häufig angeführt wird eine Überlastung und Selbstausbeutung der Mitarbeiter, wenn Ziele in der vereinbarten Zeit nicht zu erreichen sind, Mitarbeiter sich selbst unter großen Druck setzen und trotz Einführung der Vertrauensarbeitszeit keine vertrauensvolle Unternehmenskultur herrscht. Da keine Vergütung von Überstunden erfolgt, haben Mitarbeiter in so einem Fall häufig das Gefühl, nicht angemessen zu verdienen. Dieses Risiko der Vertrauensarbeitszeit sollte nicht unterschätzt werden, kann aber bei richtiger Umsetzung minimiert werden. 

Auf dich als Arbeitgeber können außerdem Kosten für die Qualifizierung der Mitarbeiter sowie durch die Umstellung der Arbeitsorganisation zukommen. Da häufig nicht sofort alle Mitarbeiter begeistert sind, kann es außerdem zu Konflikten kommen – zum Beispiel dann, wenn Führungskräfte einen Machtverlust befürchten und nicht wollen, dass sich Hierarchien auflösen. 

Nutzen Mitarbeiter das Vertrauensarbeitszeitmodell aus?

Bei dem Thema der Vertrauensarbeitszeit treibt viele Unternehmer die Sorge um, die Mitarbeiter könnten die gestiegene Freiheit ausnutzen: Sie könnten nach Lust und Laune und generell weniger arbeiten. Erfahrungsberichten zufolge tritt das aber selten ein – im Gegenteil arbeiten die Mitarbeiter beim Vertrauensarbeitszeitmodell sogar mehr, sodass die Gefahr der Selbstausbeutung wesentlich ernstzunehmender ist als die der nachlässig werdenden Mitarbeiter.

Diese Nachteile lassen sich aber nicht der Vertrauensarbeitszeit an sich zuschreiben. Viel mehr beruhen sie auf Schwierigkeiten bei der Einführung und Umsetzung sowie auf ungeklärten Bedenken der Mitarbeiter, welche sich durch klare Kommunikation, Transparenz und Offenheit lösen lassen – wenn man sie kennt.

Sorgen der Mitarbeiter und des Betriebsrates bei der Umsetzung von Vertrauensarbeitszeit

Die angesprochene Kritik am Modell der Vertrauensarbeitszeit bleibt auch den Mitarbeitern nicht verborgen. Manche befürchten eine Verdichtung von Arbeit und dass sich das Betriebsrisiko letztendlich auf sie überträgt, sodass eigene Bedürfnisse in den Hintergrund treten.

Durch das Wegfallen fester Orientierungspunkte wie dem zeitlich festgelegten Feierabend, der klar definierten Überstundenvergütung und der Anwesenheitspflicht kann Unsicherheit entstehen. Mitarbeiter befürchten, ihre Arbeit immer mehr mit nach Hause zu nehmen und zu wenig Freizeit zu haben. Auch innerhalb eines Teams kann es deswegen zu Konflikten kommen, wenn die Mitarbeiter zum Beispiel ihre Anwesenheit gegenseitig kontrollieren. Diese Sorgen können ein Hindernis auf dem Weg zur Vertrauensarbeitszeit sein, denn:

Der Betriebsrat muss der Einführung von Vertrauensarbeitszeit zustimmen

Und wenn die Sorgen der Mitarbeiter nicht ernst genommen und durch offene Kommunikation, einen vertrauensvollen Umgang und ein paar simplen Maßnahmen aus der Welt geschafft werden, wird der Betriebsrat weder zustimmen, noch werden die erhofften Vorteile der Vertrauensarbeitszeit so wirklich zum Tragen kommen. 

An dieser Stelle ist es hilfreich, wenn die vom Gesetzgeber vorgegebenen Rahmenbedingungen bekannt sind:

Vertrauensarbeitszeit und das Gesetz

Im Gegensatz zu Teilzeit- oder Gleitzeitmodellen ist die Vertrauensarbeitszeit nicht im Gesetz verankert. Das bedeutet jedoch nicht, dass sie rechtlich nicht zulässig oder nicht an Bedingungen geknüpft ist. Vielmehr bildet das Arbeitszeitgesetz die rechtliche Grundlage, auf welcher die Vertrauensarbeitszeit steht.

Die wichtigsten Punkte sind im Überblick:

  • die durchschnittliche Arbeitsdauer darf 8 Stunden pro Tag nicht überschreiten, der Durchschnitt wird in einem Zeitraum von 6 Monaten ermitteln
  • die Arbeitsstunden, welche über 8 Stunden täglich hinausgehen, müssen erfasst werden
  • die Verantwortung dafür liegt grundsätzlich beim Arbeitgeber, der sie aber an die Arbeitnehmer delegieren kann
  • Zeiterfassungen müssen inklusive der Anmerkung, wie mit geleisteter Mehrarbeit umgegangen worden ist, zwei Jahre lang aufbewahrt werden
  • die zulässigen Höchstarbeitszeiten sind 10 Stunden pro Tag, Pausen nicht mit eingerechnet
  • pro Woche dürfen im Durchschnitt nicht mehr als 48 Stunden gearbeitet werden, wobei der Durchschnitt ebenfalls in einem Zeitraum von 6 Monaten ermittelt wird  
  • wer weniger als 71.400€ im Jahr verdient, hat Anspruch auf einen Ausgleich von Überstunden durch Freizeit oder Entgelt
  • grundsätzlich gelten die Vereinbarungen des Tarifvertrags

Innerhalb dieser noch sehr engen Grenzen kann sich die Vertrauensarbeitszeit im gesetzlichen Rahmen bewegen. Dass diese Grenzen nicht mehr zu einem modernen Arbeiten passen, hat inzwischen auch die Bundesregierung zur Kenntnis genommen: Es ist geplant, die Arbeitszeitgesetze flexibler zu gestalten und so Vertrauensarbeitszeit zu fördern.  

"Heute wird die Flexibilität der Mitarbeiter durch das Arbeitszeitgesetz beschnitten."Christoph Kübel, Personalchef bei Bosch

Vertrauensarbeitszeit und Zeiterfassung

Eigentlich ist eine Erfassung der Arbeitszeit bei der Vertrauensarbeitszeit nicht vorgesehen – schließlich geht es eben um Vertrauen und nicht um Kontrolle. Dennoch kann das je nach den Anforderungen deines Betriebs notwendig sein, wenn zum Beispiel einem Kunden eine Rechnung gestellt werden muss oder der Betriebsrat die Arbeitszeiten kontrollieren will. 

Ist die Zeiterfassung Pflicht?

Denn der Betriebsrat muss die Möglichkeit haben zu überprüfen, ob die Arbeitszeiten der Mitarbeiter den Arbeitszeit-Schutzvorschriften entsprechen. Daher musst du als Arbeitgeber die dafür erforderlichen Daten erfassen oder erfassen lassen. Du kannst dich in diesem Fall nicht darauf berufen, dass du wegen des Prinzips der Vertrauensarbeitszeit die Arbeitszeiten bewusst nicht erfasst.

Ob alle Zeiten oder nur solche, die über 8 Stunden am Tag hinausgehen erfasst werden, ob dies durch die Mitarbeiter oder Führungskräfte im Intranet oder in einer Datei erfolgt, ist dabei irrelevant und sollte sich nach den Bedürfnissen des Betriebs richten.

Den Sorgen der Mitarbeiter und möglichen Schwierigkeiten kann entgegen gewirkt werden, wenn du ein paar einfache Tipps beachtest. So wird die Vertrauensarbeitszeit zu einem Gewinn für Arbeitgeber und Mitarbeiter:

Chancen nutzen und Vertrauensarbeitszeit richtig umsetzen

Tipp 1: Gemeinsame Entwicklung 
Das A und O bei der Einführung von Vertrauensarbeitszeit ist eine klare, offene und mitarbeiterorientiere Kommunikation, welche Raum für persönliche Bedenken, Wünsche und Anmerkungen lässt. Die Einführung eines neuen Arbeitszeitmodelles sollte nicht über den Köpfen der Belegschaft hinweg entschieden, sondern gemeinsam erarbeitet werden.

Tipp 2: Pilotgruppe
Hier kann es sehr empfehlenswert sein, zuerst mit einer freiwilligen Pilotgruppe zu starten, die Vertrauensarbeitszeit probeweise einführt. Ein Zeitraum von mindestens 6 Monaten hat sich dabei als bewährt erwiesen. In kleineren Zwischenschritten können dann immer mehr Teams oder Abteilungen die Vertrauensarbeitszeit einführen.

Tipp 3: Analysegruppe
Parallel dazu kann eine Arbeitsgruppe, bestehend aus Betriebsrat und Führungskräften, ins Leben gerufen werden, die sich nach der Einführung regelmäßig trifft: Die Arbeitsgruppe soll sich über Probleme austauschen und Anlaufstelle für die Mitarbeiter sein. Hilfreich ist auch eine FAQ-Liste mit den häufigsten Fragen für bestehende, aber auch für potenzielle neue Mitarbeiter.

Tipp 4: Klare Regeln
Damit die Sorgen der Mitarbeiter aus dem Weg geräumt werden, sollten im Vorfeld klare Regeln kommuniziert und festgehalten werden, was zum Beispiel die Zeiterfassung und das Verfahren mit Überstunden anbelangt. Einige Unternehmen gewähren bei der Einführung von Vertrauensarbeitszeit generell ein höheres Gehalt, zusätzliche Urlaubstage oder mehr Weihnachts- und Urlaubsgeld. Welche Möglichkeit für deinen Betrieb am besten geeignet ist, muss individuell geklärt werden.

Klare Regeln sind auch hinsichtlich möglicher Servicezeiten und notwendiger Besetzungsstärken nötig. In welchen Abteilungen sollten wann wie viele Mitarbeiter anwesend sein? Was muss ein Mitarbeiter tun und wem muss er Bescheid geben, wenn er von Zuhause aus arbeiten möchte oder sich für Überstunden freinehmen will?

Diese Punkte sollten auch schriftlich festgehalten werden:

Vertrauensarbeitszeit in der Betriebsvereinbarung

Bist du dir mit dem Betriebsrat einig geworden, wird die Einführung der Vertrauensarbeitszeit schriftlich in der Betriebsvereinbarung festgehalten.

Typische Punkte, die dabei Erwähnung finden sollten, sind folgende:

  • Beginn und Ende der Arbeitszeit sind frei wählbar
  • Dauer und Ort der Arbeitszeit orientieren sich an den Aufgaben, Prozessen und Absprachen innerhalb des Betriebes oder eines Teams
  • Für geleistete Überstunden und Wochenendarbeiten erfolgt ein Freizeitausgleich

Ziele setzen und Eigenverantwortung lernen

Eine besondere Herausforderung kann Vertrauensarbeitszeit für Führungskräfte wie Abteilungs- und Teamleiter darstellen, welche sich vor der Aufgabe sehen, realistische, nachvollziehbare und in der vorgestellten Zeit erreichbare Ziele zu stellen, die auch noch messbar sein sollen. In manchen Branchen ist dies sicherlich einfacher als in anderen. Außerdem sollten sie lernen, mit den flacheren Hierarchien zurechtzukommen und ein sensibles Gespür dafür zu entwickeln, wann Mitarbeiter sich überarbeiten könnten.  

Die Mitarbeiter wiederum müssen lernen, die gestiegene Verantwortung für sich selbst zu tragen. Sie sollten sich selbst und gegenüber anderen Grenzen setzen können und lernen, diese einzuhalten sowie zu merken, wann sie sich überarbeiten und das auch zu kommunizieren.

Eine vertrauensvolle Unternehmenskultur ist daher ganz besonders wichtig. Ausführliche Gespräche und die Einführung mittels Pilotgruppen wie auch externe Berater können hilfreich sein, um diese Hürden zu nehmen.

An dieser Stelle wird auch deutlich, dass Vertrauensarbeitszeit eigentlich viel mehr ist als das bloße Wegfallen der Anwesenheitspflicht. Was wirklich dahinter steckt ist Folgendes:

Das meint Vertrauensarbeitszeit eigentlich

Vertrauensarbeitszeit bedeutet nicht, dass Mitarbeiter sich selbst ausbeuten, keinen Feierabend machen, die Arbeit mit nach Hause nehmen müssen und für Mehrarbeit keinen angemessenen Lohn bekommen.

Stattdessen sollen sie Autonomie und Freiheit erhalten und damit die Möglichkeit haben, sich so zu entwickeln, dass ihre individuellen Stärken und Potenziale zum Ausdruck kommen.

Bei der Einbettung von Vertrauensarbeitszeit in eine gelebte, offene Unternehmenskultur wird der Mensch als Ganzes betrachtet und nicht nur als Arbeitnehmer, der seine Zeit ableisten muss.

Durch diese ganzheitliche Sichtweise profitiert letztendlich dein Unternehmen, denn der Mensch bringt viel mehr von seiner Persönlichkeit, seinen eigenen Ideen, Lösungen und Ansätzen ein. Die Folge sind wesentlich bessere Arbeitsergebnisse, neue Wege, Kreativität und Innovation.

Der Schritt zu einem vertrauensvollen Umgang miteinander und zu einer erfolgreichen Vertrauensarbeitszeit ist nicht immer von Heute auf Morgen geschafft. Mitarbeiter müssen lernen, selbstbewusst Grenzen zu ziehen, Führungskräfte müssen lernen, der neuen Verantwortung gerecht zu werden. Schulungen und Qualifikationsmaßnahmen können dabei helfen, und einige Unternehmen haben den Schritt bereits gewagt:

Von anderen Erfahrungen lernen – diese Unternehmen haben Vertrauensarbeitszeit bereits umgesetzt

Immer mehr Unternehmen entscheiden sich für die Vertrauensarbeitszeit und bekannte Namen wie Google, SAP, IBM, BearingPoint und Netflix sind keine Ausnahmen mehr.

Auch unter den produzierenden Unternehmen gibt es erste Vorreiter:

So hat das traditionelle schwäbische Produktionsunternehmen HEMA, ein Hersteller für Säge- und Schneidsysteme, die gewohnten festen Strukturen verschiedener Abteilungen komplett umgeworfen und kleine Teams ins Leben gerufen. Als Belohnung folgte dafür prompt ein New Work Award sowie motivierte Mitarbeiter, deren Solidarität und Verständnis untereinander stark zugenommen haben. Über die ursprünglichen Grenzen von Abteilungen hinweg werden jetzt Projekte umgesetzt, was am Ende dem Unternehmen, den Mitarbeitern wie auch den Kunden zugutekommt.

Auch Essel, ein Hersteller von Kunststofftuben, hat die Vertrauensarbeitszeit für sich entdeckt. In kleinen Schritten und mit Pilotteams wurde die Idee, die vor allem entwickelt wurde, um für Mitarbeiter attraktiv zu sein und wettbewerbsfähig zu bleiben, nach und nach umgesetzt. Heute verzeichnet Essel zufriedene und engagierte Mitarbeiter, die sich untereinander besser absprechen und mit dem Unternehmen identifizieren.

Kaum ein Unternehmen kommt also langfristig an neuen Arbeitszeitmodellen vorbei und wird früher oder später gezwungen sein, die herkömmliche Arbeitsweise und Arbeitswelt zu überdenken. Ein kurzes Fazit dazu:

Fazit: Vertrauensarbeitszeit Ja oder Nein?

Vertrauensarbeitszeit kann Risiken bergen und Mitarbeiter wie auch Führungskräfte vor neue Herausforderungen stellen. Wenn diese jedoch gemeistert werden und eine Arbeitskultur entwickelt wird, die individuell auf den Mitarbeiter und die Prozesse des Unternehmens abgestimmt sind, handelt es sich dabei um eine große Chance: Der Arbeitnehmer wird zu einem ganzheitlich betrachteten Menschen, der motiviert und in enger Zusammenarbeit mit seinen Kollegen das Unternehmen vorantreibt, die Innovationskraft erhöht und neue, bahnbrechende Lösungen entwickelt.

“Der Trend ist ein ICE, der gerade durchrauscht – man muss aufspringen. Andernfalls findet man bald keine guten Mitarbeiter mehr.”
Susanne Frank, Personalchefin bei Microsoft Deutschland

Viele Unternehmen haben daher bereits die Vertrauensarbeitszeit im Sinne einer freien Zeiteinteilung fester Wochenstunden eingeführt. Einige sind sogar schon weiter gegangen: Denn Vertrauensarbeitszeit kann auch ohne eine fest vereinbarte wöchentliche Stundenzahl umgesetzt werden und zu der Vertrauensarbeit führen. Was das genau bedeutet und wie sich das konkret umsetzen lässt, erfährst du in weiteren Beiträgen unseres Blogs.

Hast du bereits Vertrauensarbeitszeit in deinem Unternehmen eingeführt oder Fragen dazu? Hinterlasse uns gerne einen Kommentar oder benutze unser Kontaktformular!

Kommentare